Warum wir uns manchmal nicht entscheiden können, obwohl wir die Antwort längst kennen
„Ich weiß einfach nicht, wie ich mich entscheiden soll.“
Mit diesen Worten kam eine Klientin zu mir ins Coaching.
Sie stand vor einer Entscheidung, um die viele Menschen sie vermutlich beneidet hätten: Zwei attraktive berufliche Wege lagen vor ihr.
Nach ihrem ersten Studium hatte sie sich entschieden, noch einmal Lehramt zu studieren.
„Meine Eltern haben schon immer gesagt, dass sie mich als Lehrerin sehen.“
Mittlerweile war sie im Referendariat angekommen, dem letzten Abschnitt vor dem Berufseinstieg. Und eigentlich lief alles gut:
Sie bekam Anerkennung. Die Arbeit fiel ihr leichter als erwartet. Sie verstand sich mit den anderen Referendar:innen und auch mit ihren Schüler:innen.
Und trotzdem brachte eine einzige E-Mail plötzlich alles ins Wanken.
Ein wissenschaftliches Institut, bei dem sie bereits gearbeitet hatte, bot ihr eine Stelle an. Eine gute Stelle. Mit spannenden Inhalten, einer Chefin, die sie schätzte, einem jungen Team und einem attraktiven Gehalt.
Plötzlich war da nicht mehr nur ein möglicher Weg. Sondern zwei.
Und mit ihnen ein Wirbelsturm aus Unsicherheit, Angst und Verwirrung und einem neuen Satz:
„Das Referendariat läuft eigentlich richtig gut. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich das Richtige für mich ist.“
Die eigentliche Aufgabe im Coaching
Als Coachin stand ich vor einer interessanten Herausforderung.
Ich begleitete die Klientin bereits seit einiger Zeit. Deshalb formte sich in meinem Kopf schon eine Vermutung, welchen Weg sie am Ende wählen würde.
Einfach weil ich ihre bisherigen Entscheidungen, Bedürfnisse und ihre Art, auf Veränderungen zu reagieren, gut kannte.
Genau das war mein Warnsignal. Denn meine Aufgabe ist es nicht, Entscheidungen für Menschen zu treffen. Auch nicht, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Meine Aufgabe ist es, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen ihre eigenen Antworten besser hören können.
Manchmal bedeutet das, Widersprüche sichtbar zu machen. Manchmal bedeutet es, Gefühle ernst zu nehmen. Und manchmal bedeutet es einfach, aufmerksam zuzuhören.
Wenn Nachdenken nicht mehr weiterhilft
Zunächst sprachen wir über die offensichtlichen Dinge. Sicherheit, Karrierewege, Gehalt, Risiken. Die überlichen Vor- und Nachteile.
Doch obwohl wir die Situation von allen Seiten beleuchteten, kam die Entscheidung keinen Schritt näher.
Ich erlebe häufig, dass Menschen sehr viel nachdenken und trotzdem nicht weiterkommen.
Meist liegt das einfach an dem Fakt, dass sie nicht wissen, wo sie suchen sollen. Da die eigentliche Antwort oft nicht dort liegt, wo wir sie vermuten.
Also wechselten wir die Richtung, weg vom Kopf. Hin zu dem, was darunter lag. Ich fragte sie:
„Vergiss für einen Moment alles, was bisher war. Alle Erwartungen. Alle Konsequenzen. Alle Vernunft.
Wenn du morgen früh aufwachst und frei entscheiden könntest: Würdest du nach dem Frühstück lieber in die Schule gehen oder zur wissenschaftlichen Stelle?“
Dann wurde es interessant.
Die Antwort war bereits da
Zunächst sprach sie über den Lehrerberuf. Über mangelnde Wertschätzung. Über das Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen. Über starre Strukturen. Über Unsicherheiten bei der späteren Stellenvergabe.
Über die Sorge, irgendwann zurückzublicken und zu denken:
„Mist. Ich hatte damals die Möglichkeit und habe sie nicht genutzt.“
Danach sprach sie über die wissenschaftliche Stelle. Über das Team. Über die Inhalte. Über Flexibilität. Über die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Über die Chance, vielleicht noch einmal im Ausland zu leben.
Über Selbstbestimmung.
Und dann sagte sie einen Satz, der mich sofort aufhorchen ließ:
„Ich habe so lange immer gesagt: Das mache ich noch und dann schaue ich irgendwann, wo ich mich wirklich niederlassen möchte. Und jetzt könnte ich diese Stelle haben und könnte JETZT entscheiden, wo ich leben will. Ich müsste das nicht immer weiter verschieben.“
Da war sie, die eigentliche Frage. Es ging längst nicht mehr um Lehramt oder Wissenschaft. Es ging um etwas Tieferes. Es ging um die Sehnsucht, das eigene Leben nicht länger aufzuschieben.
Es ging um Selbstbestimmung. Um die Freiheit, das Leben bewusst nach den eigenen Vorstellungen aufzubauen.
Als sie fertig war, schaute sie mich fragend an und ich musste innerlich schmunzeln. Denn sie hatte sich ihre Frage selbst beantwortet.
Manchmal braucht es nur einen Spiegel
Alles, was ich in diesem Moment tun musste, war spiegeln. Ich fasste zusammen, was ich gehört hatte. Dass ihre Energie bei der wissenschaftlichen Stelle plötzlich ganz anders geworden war. Dass bestimmte Werte immer wieder auftauchten: Selbstbestimmung, Flexibilität, Gestaltungsspielraum. Und dass insbesondere ein Gedanke immer sehr stark durchklang:
Nicht länger auf das spätere Leben warten zu wollen, sondern jetzt damit anzufangen.
Eigentlich war das schon mein ganzer Job. Den Raum freizuhalten, damit sie ihn mit ihren Gedanken, Gefühlen und Erkenntnissen füllen konnte. Und anschließend gemeinsam zu sortieren.
“Stimmt, ich war selbst überrascht, was ich erzählt habe. Der wissenschaftliche Job fühlt sich jetzt richtig stimmig an!”
Ein Jahr später
Noch am selben Tag sagte sie die wissenschaftliche Stelle zu. Natürlich war nicht plötzlich jede Unsicherheit verschwunden. Neue Kolleg:innen, eine neue Rolle, eine neue Stadt.
Und trotzdem fühlte sie vor allem eines: Erleichterung.
Heute, ein Jahr später, arbeitet sie noch immer dort. Vor einigen Wochen wurde ihr eine Führungsrolle angeboten, die sie mit großer Freude angenommen hat. Außerdem steht inzwischen eine Promotion im Raum.
Ob das die einzig richtige Entscheidung war?
Das werden wir nicht wissen. Aber vielleicht ist die viel wichtigere Frage:
Hatte sie den Mut, auf sich selbst und ihre Wünsche zu hören?
Ich glaube: Ja.
Denn es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen: einer Entscheidung, die wir treffen und einem Weg, den wir bewusst wählen.
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